Hasenbart

Bedo · 9. August 2026 · 8 Min. Lesezeit

Night Ride — 175 Kilometer durch die erste Nacht

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Night Ride — 175 Kilometer durch die erste Nacht

Wer gerade 184 Kilometer bei 41 Grad hinter sich hat, denkt für den Rückweg normalerweise nicht ans Velo. Schon gar nicht nachts. Man steigt in den Zug. Zwei Stunden, Klimaanlage, Velo im Veloabteil, zu Hause ist man vor Mitternacht.

Ich hatte eine unruhige Nacht im Zelt hinter mir und einen noch unruhigeren Tag. Beste Voraussetzungen also.

Ich bin trotzdem aufs Velo. 175 Kilometer zurück: die ersten dreissig noch im Abendlicht, der ganze Rest im Dunkeln. Meine erste Nachtfahrt überhaupt.

Dabei bin ich kein Freund der Dunkelheit. Das ist keine Koketterie, das ist einfach so. Ich wusste nicht, wie das geht: Wie viel Licht braucht man? Woran orientiert man sich? Was macht der Kopf um drei Uhr morgens auf einem Feldweg im Nirgendwo?

Ich wusste es nicht. Also bin ich losgefahren, um es herauszufinden.

Neunzehn Uhr neununddreissig

32 Grad zeigt der Garmin beim Start. Es ist noch hell, es ist noch warm, es fühlt sich noch an wie eine ganz normale Ausfahrt. Der See liegt rechts, der Jura links, die Beine gehen.

Das ist die Sache mit Nachtfahrten: Sie fangen nicht in der Nacht an. Sie fangen an einem schönen Sommerabend an und man denkt sich noch nichts dabei.

Rebberge und Bahngleis in Ligerz am Bielersee im Abendlicht
20:36 · Ligerz · km 20 — das letzte Tageslicht

Der Bielersee. Rebberge, Bahngleis, die Häuser am Hang. Eine der schönsten Stunden, die man auf einem Velo in der Schweiz verbringen kann. Ich fahre da durch und weiss: gleich ist es vorbei.

Licht an

Ortstafel Biel/Bienne vor Dämmerungshimmel
21:01 · Biel/Bienne · km 28 — ab hier wird es ernst

Biel. Der Himmel geht von Blau in dieses Rosa über, das nur zwanzig Minuten hält. Danach ist es dunkel, und ab da bin ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Radfahrer, der eine ganze Nacht vor sich hat.

Kiesweg im Lichtkegel der Velolampe, Strassenlaternen in der Ferne
21:42 · km 36 — ab jetzt ist der Kegel die Welt

Und dann passiert etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe: Es funktioniert. Einfach so. Der Lichtkegel liegt vor dem Vorderrad, der Weg kommt entgegen, die Welt schrumpft auf zwölf Meter Kies zusammen.

Und genau das nimmt die Angst. Man sieht nicht weiter als das, was vor einem liegt — also spielt alles andere keine Rolle. Kein Horizont, keine Strecke, die noch kommt, kein Berg, den man von weitem schon fürchtet. Nur zwölf Meter Kies, und die kriegt man immer hin.

Solange die Musik läuft, ist man nicht allein.

Das war das Bild, das mich durch die ganze Nacht getragen hat. Zwölf Meter Licht, Kopfhörer, weiter.

Dazu kommt etwas, das man erst schätzt, wenn man nachts fährt: Hier ist selten etwas auf der Strecke, mit dem man nicht rechnet. Die Wege sind sauber, es liegt kein Gerät auf der Fahrbahn, keine Baustelle steht unbeleuchtet mitten im Weg. Man kennt das vom Tag — und nachts kann man sich darauf verlassen. Das ist der eigentliche Luxus.

Die Lampe läuft auf niedriger Stufe. Nicht Maximum, nicht mal in der Nähe. Für diese Art Strecke reicht das locker, und der Akku hält damit die ganze Nacht. Die Stirnlampe hatte ich dabei, aber die kam erst später zum Einsatz — bei den Abfahrten. Ein Tipp von Dominik, und einer der besten, die ich je bekommen habe: Die Velolampe leuchtet dorthin, wo das Velo steht. Die Stirnlampe leuchtet dorthin, wo du hinschaust. In einer Kurve bei Tempo 40 ist das ein gewaltiger Unterschied.

Solothurn, Kilometer 58

Bepacktes Gravelbike an einer Mauer an der Aare in Solothurn bei Nacht, im Hintergrund ein angestrahlter Turm
22:52 · Solothurn · km 58 — Pause an der Aare

Velo an die Mauer, Dose auf. Toni Mate. Der eigentliche Held dieser Nacht, und ich sage das ohne jede Ironie. Koffein in flüssiger Form, kalt, in einer Dose, die man an jeder Tankstelle kriegt.

Es ist Samstagabend, und Solothurn ist voll. Die Beizen draussen, Leute auf den Brücken, Gläser, Gelächter, das ganze Programm. Das Leben findet statt, in vollem Gang.

Und ich stehe daneben mit einem bepackten Velo und einer Dose Mate und bin — ich gebe es zu — ziemlich stolz. Nicht weil ich besser wäre. Weil ich denselben Abend geniesse wie alle hier, nur auf eine Art, die in diesem Moment ziemlich genau meine eigene ist.

Zwei Abschnitte, die ich nicht nochmal fahre

Irgendwo im Mittelland schickt mich die Route in Waldstücke. Nicht Waldweg — Waldstück. Grosse Steine, nichts, was man im Lichtkegel früh genug sieht, und ringsum niemand.

Zwei davon bin ich durchgefahren. Es ging. Langsam, konzentriert, aber es ging.

Danach habe ich die Route umgeplant. Nicht weil es unfahrbar gewesen wäre — es war fahrbar, und wenn es keinen anderen Weg gegeben hätte, wäre ich auch den Rest so gefahren. Sondern weil die Rechnung nicht aufgeht. Eine Sekunde unkonzentriert, ein Stein im falschen Winkel, und die Nacht wäre an dieser Stelle zu Ende gewesen. Um halb eins, in einem Wald, in dem seit Stunden kein Mensch war.

Nachts fährt man nicht die schnellste Linie. Man fährt die, bei der nichts kaputtgehen kann.

Halbzeit um kurz vor eins

Garmin-Radcomputer bei Nacht: 84,64 Kilometer zum Ziel, 12:56 Uhr, 90,80 Kilometer gefahren
00:56 · km 91 — noch 84,64 bis nach Hause

90,80 gefahren. 84,64 zum Ziel. Genau in der Mitte, und der Rest der Welt schläft.

Über mir der Mond und mehr Sterne, als man in Zürich je zu sehen kriegt. Es ist still. Nicht ruhig — still. Kein Auto, kein Traktor, kein Mensch, jedenfalls hier draussen. Tiere gab es auf dieser Strecke kaum, bis auf die Hauskatzen in den Dörfern. Und die Hauskatzen der Schweiz haben beschlossen, dass sie dem Velo nicht ausweichen. Aus Prinzip.

Und dann, um halb zwei, ein Fest

Nächtliches Strassenfest in Olten mit Ständen, Sonnenschirmen über der Gasse und vielen Menschen
01:25 · Olten · km 101 — mitten in der Nacht sind alle wach

Olten. Ich rolle in eine Gasse und plötzlich ist da: alles. Stände, Girlanden über der Strasse, Musik, Leute in Sommerkleidern, die aussehen, als hätten sie noch Stunden vor sich.

So viel zum schlafenden Rest der Welt.

Crêpe auf einem Holztisch neben zwei Dosen Toni Mate, daneben das bepackte Velo
01:33 · Crêpe und zweimal Koffein

Ein Crêpe, zwei Dosen, ein Holztisch. Und dann kommen die Leute. Wo ich herkomme. Wo ich hinwill. Ob ich das ernst meine mit Zürich, heute Nacht. Ein paar Fragen, ein kurzer Schwatz, ein Klaps auf die Schulter.

Es dauert vielleicht zwanzig Minuten. Aber es sind zwanzig Minuten, in denen jemand anderes die Fahrt für einen Moment mitträgt.

Dann wieder raus in die Dunkelheit. Zehn Minuten später ist es, als hätte es das nie gegeben.

Die Stunden, die keiner sieht

Leere Strasse mit Strassenlaternen und Ampel bei Nacht
03:45 · Baden · km 145 — grün für niemanden

Aarau, die Aare entlang, Baden. Ampeln, die für niemanden schalten. Kreisel, die man einfach geradeaus nimmt. Städte, durch die man fährt, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen.

Zwischen zwei und vier ist die Nacht am längsten. Nicht schwer — lang. Man fährt, der Kegel bleibt gleich, der Kilometerzähler geht hoch, und irgendwann hört man auf, darüber nachzudenken.

Und dann kommt Sternenstunde von Freundeskreis in die Kopfhörer. Eines meiner Lieblingslieder, und es hätte in keinem Moment meines Lebens besser gepasst als in diesem. Ich habe es danach noch ein paar Mal gehört. Nacheinander. Es hat mich zwanzig, dreissig Kilometer getragen — das ist keine Metapher, das ist die Distanz.

Man kriegt in so einer Nacht mehrere Energien. Die zweite, die dritte, die vierte. Und manchmal kommt sie nicht aus dem Gel.

Vier Uhr

Kurz nach vier. Zürich ist schon fast greifbar, noch fünfzehn Kilometer, und die Müdigkeit schlägt ein wie ein Sack Zement. Nicht schleichend. Sofort.

Und dann fahren die ersten Trams. Beleuchtet, warm, leer, und sie fahren genau dorthin, wo ich hinwill. Ich hätte nur anhalten und einsteigen müssen. Niemand hätte je davon erfahren.

Der Kopf hat das nicht zugelassen.

Also: das letzte Koffeingel, noch einen Gang reingetan — nicht ideal, das wusste ich in dem Moment schon — und die Energie kam so weit zurück, dass sie für den Rest reichte.

Die letzten zehn Kilometer sind trotzdem Murks. Das sind sie bei jeder Tour, egal wie lang, egal wie spät, egal wie gut es lief. Und wenn es zum Schluss auch noch bergauf geht — bei mir geht es zum Schluss immer bergauf — dann ist das eine Rechnung, die man nicht mehr schönredet. Man tritt sie einfach ab.

Selfie mit Helm und Stirnlampe nach der Ankunft
05:33 · zu Hause · nach 9 Stunden 49

Fünf Uhr neunundzwanzig. 18 Grad. Der Himmel ist schon wieder hell — ich komme gemeinsam mit dem Morgen an. Die Nacht, vor der ich Respekt hatte, war genau eine Nacht lang.

Blick in die heimische Garage mit dem Hasenbart-Schriftzug an der Wand
Zurück in der Garage. Der Schriftzug an der Wand ist plötzlich wieder ein Versprechen.

Und dann stehe ich in der Garage, Licht an, das Velo neben mir, und schaue auf den Hasenbart an der Wand. Wieder etwas geschafft, von dem ich vorher nicht wusste, ob es überhaupt geht.

Das ist ein ziemlich guter Moment für halb sechs Uhr morgens.

Was ich mitnehme

Lesson learned: Die Lampe muss nicht auf Maximum. Ich bin die ganze Nacht auf niedriger Stufe gefahren und habe nie etwas vermisst — auf Feldwegen, Kieswegen und Landstrassen reicht das. Volle Helligkeit frisst nur Akku, und Akku ist nachts die Ressource, die man nicht nachkaufen kann.
Lesson learned: Stirnlampe mitnehmen und für Abfahrten aufsetzen. Sie leuchtet in die Kurve, in die man schaut — die Velolampe leuchtet geradeaus, egal wohin es geht. Das ist der Unterschied zwischen bremsen und fahren.
Lesson learned: Technische Passagen sind nachts fahrbar, aber sie sind es nicht wert. Wenn es eine Alternative gibt: umplanen. Nicht weil man es nicht könnte — sondern weil ein Defekt um drei Uhr im Wald ein ganz anderes Problem ist als um drei Uhr am Nachmittag.
Lesson learned: Koffein einteilen. Toni Mate an den Pausen, Gels für die Löcher — und mindestens eines aufheben. Meines kam um vier, auf den letzten fünfzehn Kilometern. Wer sein Koffein um Mitternacht verbraucht, hat um vier nichts mehr.

Die Zahlen

175,4 Kilometer. 891 Höhenmeter. 8:17 im Sattel, 9:49 unterwegs. 4677 Kilokalorien. Schnitt 21,2. Von 32 Grad am Start auf 18 Grad bei der Ankunft.

Auf Strava habe ich die Fahrt «night ride. buaha, nie wieder» genannt. Das war um halb sechs Uhr morgens, mit fünfzehn Kilometern Bergauf in den Beinen und keinem Schlaf im Kopf.

Einen Tag später heisst sie: die erste. Nicht die letzte.

Napred, samo napred.

Impressionen der Nachtfahrt vom Neuenburgersee zurück nach Zürich — Bild 1
Impressionen der Nachtfahrt vom Neuenburgersee zurück nach Zürich — Bild 2
Impressionen der Nachtfahrt vom Neuenburgersee zurück nach Zürich — Bild 3
Impressionen der Nachtfahrt vom Neuenburgersee zurück nach Zürich — Bild 4
Impressionen der Nachtfahrt vom Neuenburgersee zurück nach Zürich — Bild 5
Impressionen der Nachtfahrt vom Neuenburgersee zurück nach Zürich — Bild 6