Bedo · 7. August 2026 · 6 Min. Lesezeit
Road to Pedaleo — 184 Kilometer durch den Ofen

Es gibt Touren, die plant man. Und es gibt Touren, bei denen man einfach losfährt, weil am anderen Ende jemand ein Zelt aufstellt und man dabei sein will.
Pedaleo. Neuenburgersee. Ich hätte den Zug nehmen können. Zwei Stunden, Klimaanlage, Kaffee im Speisewagen.
Ich habe das Velo genommen.
Acht Uhr zwei

Start vor der Bäckerei. Mehlsäcke gestapelt bis unter die Decke, der Wagen von John draussen, mein Velo daneben. 24 Grad. Ich stehe da mit vollen Taschen und denke: angenehm heute.
Das ist der letzte Gedanke dieser Art für die nächsten zwölf Stunden.
Raus aus der Stadt, der Limmat entlang, dann Westen. Und danach die nächsten 184 Kilometer: immer nur Westen.
Die ersten fünfzig
Limmattal, Baden, Brugg. Aargau eben. Die Kilometer laufen von selbst, das Velo rollt, das Gepäck macht sich noch nicht bemerkbar. Bei Kilometer 48 Aarau. Ich bin schneller als gedacht und werde übermütig.
Übermütig sein am Morgen ist ein Versprechen an den Nachmittag, das man selten halten kann.

Der Wald ist noch gnädig. Kühl, schattig, der Boden staubig aber fest. Ich sitze auf einem Baumstamm, esse etwas, fahre weiter. Zu dem Zeitpunkt habe ich noch geglaubt, dass Pausen etwas sind, das man macht, wenn man Lust hat.
Und dann kam der Ofen
Irgendwo im Mittelland dreht jemand die Heizung auf. Nicht langsam. Innerhalb von zwei Stunden geht der Garmin von 27 auf 37 Grad.

Ich mache ein Foto davon, weil ich es später niemandem erklären kann. 36,8. Ich denke: gut, mehr geht nicht.
Es ging mehr. Später standen da 41 GRAD.
Ja, das ist die Gerätetemperatur. Der Garmin klebt am Lenker in der prallen Sonne und misst mit, was der Asphalt zurückwirft. Die Luft war kühler. Aber ich fahre nun mal dort, wo der Garmin hängt, und nicht in der Wetterstation zwei Meter über dem Rasen.
Bei Hitze fährt man nicht langsamer. Man fährt einfach länger.
Das ist die Rechnung des Tages, und sie steht am Ende schwarz auf weiss in den Daten: 9 Stunden 26 im Sattel. 12 Stunden 37 unterwegs. Über drei Stunden Differenz. Drei Stunden, in denen ich nicht gefahren bin, sondern gestanden habe. Im Schatten. An Brunnen. Unter Bäumen. Vor Dorfläden.
Jeder Brunnen ein Etappenziel

Die Navigation ändert sich bei solchen Temperaturen. Man fährt nicht mehr von A nach B. Man fährt von Wasser zu Wasser. Jede Baumreihe wird zum Versprechen. Jeder Dorfbrunnen zum Etappenziel. Man wird zum Nomaden, der die Route nach Schatten sortiert.
Zwei Bananen, ein Sandwich, zwei Flaschen leer und wieder voll. Ich sitze auf warmen Pflastersteinen und schaue einem Typen im gelben Shirt beim Nichtstun zu. Er macht es richtig.
Bern, Kilometer 135
Bern kommt spät. Auf dem Papier ist es die Hälfte, gefühlt sind es drei Viertel. Aare, Bremgartenwald, die Wohlensee-Ufer. Schöne Wege, die ich an einem anderen Tag genossen hätte. An diesem Tag habe ich sie registriert.

Danach wird es flach. Das Seeland. Gemüsefelder bis zum Horizont, schnur- gerade Wege, kein Schatten. Flach klingt gut, wenn man müde ist. Flach ist aber auch: kein Baum, kein Windschatten, nur du und die Sonne, die das Ganze von oben betrachtet.
1501 Höhenmeter hat der Tag am Ende. Der höchste Punkt liegt bei 613 Metern. Das ist nichts. Das sind Zahlen, über die man in den Alpen lächelt. Und trotzdem waren sie da, verteilt auf 184 Kilometer, in Portionen, die einzeln lächerlich und in Summe zäh sind.
Ankommen

Und dann steht da dieses orange Schild am Strassenrand. Pedaleo, mit einem Pfeil. Ich bin an dem Tag an keinem schöneren Kunstwerk vorbeigefahren.
Zwanzig vor neun am Abend rolle ich rein. Zelte am See, Velos im Gras, Leute, die schon länger da sind und entsprechend entspannt aussehen.

Das Velo fällt ins Gras. Ich daneben. Der See ist genau so kalt, wie er sein muss.
Was ich mitnehme
Lesson learned: Bei über 35 Grad ist die Pausenzeit keine verlorene Zeit — sie ist Teil der Fahrzeit. Wer sie nicht einplant, plant den Hitzeschlag ein. Meine drei Stunden Standzeit waren nicht Schwäche. Sie waren der Grund, warum ich angekommen bin.
Lesson learned: Zwei Flaschen sind an so einem Tag eine Portionsgrösse, keine Ausrüstung. Die Route nach Wasser planen, nicht nach Kilometern. Schweizer Dorfbrunnen sind das beste Netz, das man haben kann — man muss nur wissen, dass man es nutzt.
Lesson learned: Die Gerätetemperatur am Lenker ist nicht die Lufttemperatur. Aber sie ist auch nicht gelogen — sie ist das, was am Velo wirklich ankommt. Wer sie ignoriert, weil sie «zu hoch» aussieht, ignoriert genau die Belastung, die man gerade fährt.
Die Zahlen
184,2 Kilometer. 1501 Höhenmeter. 9:26 im Sattel, 12:37 unterwegs. 4779 Kilokalorien. Schnitt 19,5. Höchste angezeigte Temperatur: 41 Grad.
Es sind keine besonderen Zahlen. Es gibt Leute, die fahren das vor dem Frühstück, und es gibt Tage, an denen ich selbst schneller war.
184,2 Kilometer. Nur eine Zahl. Aber meine.
Napred, samo napred.






